Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich.

Ludwig Wittgenstein, Tagebuchnotiz vom 8. Juli 1916[1]

 

Die Frage nach dem Glück ist virulent, vor hundert Jahren ebenso wie heute. Inmitten des ersten Weltkrieges, der äußere Zerstörung, den Tod gewaltiger Massen Unschuldiger und den Zusammenbruch von Herrschaftssystemen brachte, fragten Menschen ebenso wie heute nach einem gelingenden Leben.

Die sinnliche Wahrnehmung einer Situation oder einer Erscheinung ist für Wittgenstein meist der Anfang des Philosophierens. Wie schon Platon in seinem Teaitetos schreibt: „Das Sich-Wundern (thaumázein) ist ein Zustand, der sehr typisch ist für einen Philosophen (= einen Menschen, der nach Wissen strebt). Denn es gibt keinen anderen Anfang des Philosophie (des Strebens nach Wissen) als diesen.“[2] Hier ist es der junge Teaitetos, der von Sokrates in die Philosophie eingeführt wird und das Staunen des jungen Mannes, seine Aufmerksamkeit für das Vorliegende zum Anstoß philosophischer Überlegung nimmt. Der Staunende staunt aus sich und in sich hinein. Er kann den Grund nicht genau benennen und weiß nur, dass er zutiefst staunt.[3] „Wer ein philosophisches Problem hat, lässt sichaufhalten, wo andere weitergehen. Er weiß vorerst nicht mehr, doch auch nicht weniger als sie; aber er ist damit unzufrieden, er stellt es in Frage.“[4]

Ludwig Wittgensteins Tagebuchnotiz vom 8. Juli 1916 beginnt mit den Worten „An einen Gott glauben heißt, die Frage nach dem Sinn des Lebens verstehen.“[5] Bei allem Streben nach Wissen und Erkenntnis ist der Sprung des Glaubens für ein sinnvolles Leben notwendig. Sinn erschließt sich nicht in der Summe des Gewussten, sondern in der Erfahrung von ganz sein. Der alte Begriff der Herzensbildung, der sich dem Glauben nahe weiß, zeigt einen Weg diese Erfahrung zu verinnerlichen.

Wie viel der Mensch auch weiß, jedes Wissen weckt die Sehnsucht nach mehr Wissen und damit kommen wir Zeit unseres Lebens nicht an ein Ende. Es gleicht dem Trinken von salzigem Wasser, je mehr man trinkt um so mehr Durst verspürt man.

„Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich.“[6] Die Zeit ist es, die das Leben kostbar macht und sich zugleich lähmend erweist. Weil nicht alles immer zur Verfügung ist, wird es spannend. So entsteht eine Dynamik im Leben. Dabei ist auch die Sehnsucht ein Wert an sich, das erleben von Werden und Vergehen gehört zum Leben. Im Sinne Wittgensteins kann man sagen, dass alles, was der Philosophierende durch die Philosophie lernt ihn auf das eigene Sehnen zurück verweist. Dieses Sehnen ist eine Erfahrung der Gegenwart, ein gegenwärtig werden dessen, was vorhanden ist.[7]

Die Zeit ist auch die Ebene, in der alles verschoben wird. In dem der Bezug zu Vergangenem und Zukünftigem hergestellt wird und in der Fülle der Bezüge nicht selten die Gegenwart zu verschwinden droht. In der Zeit kann man alles mögliche ansammeln, das oft genug zur Belastung wird. Ob es nun bewusst so wahrgenommen wird oder nicht. Den gegenwärtigen Augenblick kann man erfüllen und ganz leben. In jedem Augenblick leben und sich und anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das befreit von der Last der Geschichte und der Aufgabe der Zukunft.

Keine Zeit zu haben ist bei aller Optimierung der alltäglichen Abläufe im Leben eine für viele Menschen unserer Tage Grunderfahrung. Dabei kommt Zeit immer neu nach, bis die Zeit des Lebens einst verstrichen sein wird. Der Tod erscheint als ultimative Grenze der Zeit eines Menschen.[8] „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.“[9] Ein Impuls in der Gegenwart zu leben, jetzt und heute zu fragen und zu staunen.

[1] Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt am Main 91993.

[2] Platon, Theaitetos, 155 D

[3] Vgl. PU § 111 und auch PU § 387

[4] Walter Schweidler, Wittgensteins Philosophiebegriff, Frankfurt/München 1983, Seite 27.

[5] Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe Bd. 1, Frankfurt am Main 91993, Notiz vom 8. 7. 16, Seite 168.

[6] Ebd., Seite 169.

[7] Vgl. Gerd Haeffner, In der Gegenwart leben. Auf der Spur eines Urphänomens, Stuttgart Berlin Köln 1996.

[8] Der griechische Philosoph Epikur (*341 v. Chr.) meinte: Dein Tod ist nicht; solange du bist, ist dein Tod nicht; und sobald er ist, bist du nicht mehr.

[9] Ebd., TLP 6.4311, Seite 84.

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