Tastender Glaube

Thomas erkennt im Auferstandenen seinen Gott

Fresko in der Nebenkirche St. Georg in Gronsdorf

In Ausnahmesituationen braucht der Mensch sinnlich, leibliche Erfahrungen. Wir sprechen davon, dass wir den Boden unter den Füßen verlieren, keinen Halt mehr haben und drücken damit aus, was uns in solchen Situationen am meisten fehlt: Sichere leibliche Erfahrung. Alles erklären und reden bleibt an der Oberfläche. Traumatisierte Menschen sind nicht über den Verstand zu erreichen, aber sie können fühlen, mit dem Körper wahrnehmen und inmitten der existentiellen Not den eigenen Körper erfahren. Dabei spüren sie sich selbst, können sich mit dem eigenen Körper neu identifizieren.

Intuitiv beschreiben Menschen im Rückblick Erfahrungen blanken Entsetzens, wie wenn sie neben sich gewesen wären. In einer solchen Phase kann der Mensch nur durch behutsame Führung über die eigene Körperlichkeit zu sich selbst finden. Die moderne Hirnforschung spricht deshalb auch davon, dass der Körper das archaische Gedächtnis des Menschen ist. In der existentiellen Not laufen im Menschen feste Programme ab: Flucht, totstellen oder Angriff. Gefühle und instinktives Verhalten treten an die Stelle rationaler Überlegungen.

Für die Freunde Jesu war sein Tod eine Ausnahmesituation. Der Mensch, der es für sie wie kein anderer verstanden hat, von der Weltleidenschaft Gottes und seiner liebenden Zugewandtheit zum Menschen zu sprechen, Wunder zu wirken und Menschen zu heilen, wurde brutal ans Kreuz geschlagen und erhängt. Ihre Welt ist am Nachmittag des Karfreitags brachial in sich zusammengebrochen. Ihre Hoffnungen sind zerborsten, ihre Pläne waren mit einem Mal Makulatur.
Der letzte Dienst für den geliebten Herrn ist die Bestattung, mit ihm tragen sie auch ihre Lebenspläne zu Grabe. Die Mächtigen haben wieder einmal mit Gewalt über den gesiegt, der sie für die Liebe begeistern wollte.

Johannes stellt uns Thomas als einen Freund Jesu vor, einer der diese Katastrophe durchleidet. Das leere Grab und die begeisterten Worte der anderen können ihn nicht aus seiner Verlorenheit retten.

Thomas spricht aus, was für ihn die Not wenden kann, ich muss ihn sehen, spüren und berühren. Nur so kann ich mir seiner und mir selbst sicher sein. Zaghaft streckt er auf dem Fresko seine Hand aus und berührt den Auferstandenen. Nach vorne beugend nähert er sich Jesus, der ihn in seiner Krise ernst nimmt.

Doch dann: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29). Kommt nun die moralische Belehrung für den ‚ungläubigen Thomas‘? Leicht hören die Ohren unseres „domestizierten Christentums“ (Karl Rahner SJ) diesen Satz als Vorwurf und machen Thomas so zum „Ungläubigen“. Die göttliche Pädagogik geht anders. Jesus verengt nicht, er weitet die Perspektive. Vielleicht gilt sein Wort zuallererst denen, die um Thomas herumstehen, den Jüngern, die ihre „Osterbegegnung“ schon erlebt und auf Thomas eingeredet hatten: „Glaub uns doch, er lebt und ist uns erschienen!“ Allesamt sitzen sie noch hinter verschlossenen Türen. Hinter welchen Mauern will Jesus sie hervorlocken?

Niemals können wir uns etwas einbilden auf unseren Glauben. Glauben meint die unendlich größere Wirklichkeit Gottes – jenseits von Sehen und Nichtsehen. Glauben verlangt immer wieder – wie es der Mystiker Johannes vom Kreuz ausdrückt – „in die dunkle Nacht zu springen.“ Nicht aus Übermut, oder Machtphantasie heraus, sondern aus der Gewissheit als Glaubender vom Herrn mit seiner ganzen Existenz getragen zu sein.

Wir glauben ja nicht, weil wir sehen, sondern „weil das Wunder immer geschieht / und weil wir ohne die Gnade / nicht leben können“ (Hilde Domin).

An den Auferstandenen zu glauben ist also immer ein Wagnis, weil es uns herausfordert über die Grenzen unserer Welt hinaus zu denken, mehr noch mit unserem Körper der Erfahrung der Erlösung nachzuspüren. Dann nähern wir uns der Offenheit mit der uns Gott entgegenkommt. Die Osterberichte erzählen von den Mauern und verschlossenen Türen, die für den Auferstandenen kein Hindernis darstellen (Joh 20,26) und dennoch von einem Jesus, der sich berühren lässt. Kein Hirngespinst, sondern tragfähige Wirklichkeit. Das lässt unseren Thomas zu einem Gläubigen werden, zum „ersten christlichen Beter“ (Romano Guardini), wenn er in Jesus nicht mehr nur einen begnadeten Menschen sieht, sondern wirklich Gott erkennt und spricht: „Mein Herr und mein Gott“.

Reinhard Röhrner, Ostern 2026

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